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Digitalisierung - Der Turmbau zu Babel des 21. Jahrhunderts?

matchdigital im Gespräch mit Florian Kurz (CEO bamero AG) (Teil 1 von 3)

Florian Kurz (CEO bamero AG) weiß, welche Fragen für Unternehmen heute tatsächlich relevant sind und berichtet in einer dreiteiligen Gesprächsreihe über komplexe Herausforderungen, aktuelle Verständnisprobleme und die Erfolgsstrategie der bamero AG in der Digitalisierung.

Sie sind Informatiker, Herr Kurz. In ihrem Arbeitsalltag bei der bamero AG beschäftigen Sie sich mit der Digitalisierung komplexer Prozesse. Viele Unternehmen stehen heute vor der Herausforderung, erst einmal zu verstehen, was Digitalisierung bedeutet und herauszufinden, wo und wie man damit überhaupt anfängt. Wie begegnen Sie dieser Herausforderung in Ihrem Arbeitsalltag?

"Ich selbst komme beruflich aus der Software-Entwicklung und habe lange Jahre Software im Kontext SAP entwickelt. Dieser Hintergrund hilft mir sehr oft dabei, die "Digitalisierung" zu entmystifizieren. Faktisch gibt es die Digitalisierung nicht - sie ist die größte Lüge, die wir uns alle vormachen, denn sie ist alles und nichts. Wir sprechen immer über den gleichen Begriff und dass sich unser Leben und unsere Gesellschaft verändern wird, dass wir nun unsere Kinder besser schulen müssen usw. Man ist in Sorge, dass die Maschinen bald mit uns sprechen. Und meine Kaffeemaschine weiß, welchen Kaffee ich morgen trinken will. Doch das ist noch lange nicht Realität. Wenn ich zu einem meiner Kunden gehe, sagt mir dort niemand, dass er einen Chatbot braucht, sondern, dass Excel Anwendungen nicht funktionieren, das ERP-System veraltet ist und nicht mehr alle Anforderungen erfüllen kann oder die VPN Verbindung nicht funktioniert - Das sind die reellen Probleme."

Was ist so problematisch am Begriff der "Digitalisierung" und der aktuellen Debatte zu den Digitalisierungsfragen?

"Digitalisierung heißt erst einmal nur, dass analoge Informationen digital werden. Umso schlimmer ist es, wenn mit dem Begriff "Digitalisierung" Angst geschürt wird. Die Änderung der Darstellungsform von Daten hatten wir schon mit dem Faxgerät. Das Thema ist also nicht neu. Jetzt kommt allerdings die Angst hinzu, dass sich durch Digitalisierung Unternehmen und die ganze Gesellschaft grundlegend verändern werden. Auch die Befürchtung, dass durch Digitalisierung viele Jobs verloren gehen werden, kommt hier noch hinzu. Das finde ich ganz fatal.

Ich vergleiche die Diskussion über die Digitalisierung gerne mit dem Turmbau zu Babel. In der biblischen Geschichte greift Gott ein und verwirrt die Sprache. Mit dem Ergebnis, dass der Turm nicht weiter gebaut werden konnte, weil sich keiner mehr mit dem anderen verständigen konnte. Und so etwas ähnliches erleben wir tagtäglich.

Ein einfaches Beispiel: Wenn ein Geschäftsführer, ein Mitarbeiter und der IT-Leiter einer Firma an einem Tisch zusammenkommen, sitzen da drei Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen. Der Mitarbeiter will einfach nur, dass er nicht mehr händisch irgendwelche Daten von A nach B übertragen muss. Der Geschäftsführer hat Angst, dass die Digitalisierung zu viel Geld verschlingt und der IT-ler spricht davon, hier oder dort noch ein Neuronales Netzwerk oder Blockchain implementieren zu wollen. Die Schwierigkeit ist, dass ein Informatiker vermutlich keinen betriebswirtschaftlichen Hintergrund hat und andersherum der Geschäftsführer sich die Frage stellen wird, was die Digitalisierung denn am Ende kosten darf. Diese drei Menschen werden so, mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen, nie eine Lösung finden, die tatsächlich einen Mehrwert bietet. Das ist für mich die wahre Herausforderung beim Thema Digitalisierung. Marketingtechnisch verwenden wir den Begriff "Digitalisierung" natürlich auch, denn damit werden wir gefunden." (schmunzelt)

Die bamero AG schreibt sich auch Digitalisierung auf die Fahnen. Was machen Sie anders, um solche Misskommunikation zu vermeiden?

"Niemand geht in den Baumarkt, kauft einen Bohrer und versucht damit einen Nagel in die Wand zu schlagen. Aber mit der Digitalisierung machen wir das im übertragenen Sinne genau so. Warum? Es kursieren Aussagen wie "Wir müssen jetzt das Geschäftsmodell digitalisieren"- aber was heißt das tatsächlich, ein Geschäftsmodell zu "digitalisieren"?

Wir kämpfen dagegen an, dass der Begriff "Digitalisierung" so verwendet wird. Ein Unternehmen, das sich auf Digitalisierung einlässt, braucht am Ende einen spür- und messbaren Mehrwert. Das bedeutet, dass jedes Unternehmen ein Formalziel hat, das es erreichen will. Und alles was mit der "Digitalisierung" zu tun hat, muss sich immer diesem Formalziel unterordnen. Zum Beispiel beim Thema Blockchain: Es gibt bisher kein nachgewiesenes Geschäftsmodell, bei dem die Blockchain für ein etabliertes Unternehmen aus z.B. der Industrie Kosten spart oder mehr Umsatz eingebracht hat. Wenn sie das nicht tut, dann ist sie für eben dieses etablierte Unternehmen eigentlich nur eine Erfindung und keine Innovation."

Was genau ist der Unterschied zwischen einer Erfindung und einer Innovation?

"Innovation und Erfindung sind nicht das Gleiche. Darüber spreche ich auch in meiner Keynote. Erfunden wird überall, z.B. auch an der Uni. Aber erst dann, wenn ich etwas verkaufen kann und jemand bereit ist, für meine Erfindung Geld auszugeben, sprich, wenn der Markt dafür da ist, dann ist es auch tatsächlich eine Innovation. Das Thema Blockchain wäre in diesem Sinn keine Innovation. Jeder interessiert sich nun für Blockchain und will sie nutzen. Aber warum sollte ich als Unternehmer das tun, wenn es nur Geld kostet?"

Der Einsatz digitaler Technologien ist also kein Garant dafür, sich im digitalen Wandel behaupten zu können?

"Grundsätzlich geht es in der Digitalisierung um zwei Dinge: Entweder man spart Kosten oder man macht mehr Umsatz. Das ist das Einzige, worauf sich die ganze Digitalisierungsthematik stützen sollte. Wenn man eine neue Technologie umsetzen möchte, muss man zunächst die Gründe dafür hinterfragen. Warum brauche ich dieses Tool? Arbeite ich dadurch schneller, effizienter? Kann ich z.B. meine Vertriebsmitarbeiter an meine Kommunikation anschließen? Das sind wirkliche Gründe, die es einem auch ermöglichen, mal einen Business Case durchzurechnen - was sich heute auch keiner mehr traut. Wenn wir über die Digitalisierung sprechen, müssen wir uns die Frage stellen, wo eine Zwischenbilanz gezogen werden kann und man an diesem Punkt sagen kann: Hier habe ich xy eingespart. "


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Die bamero AG: "Digitalisierung ohne Sinn und Struktur ist zwecklos. Wir schaffen Transparenz und Verständnis über Arbeitsabläufe, IT-Einsatz und unentdeckte Potentiale. Für spürbare Mehrwerte und echte Innovation in Ihrem Unternehmen." www.bamero.de

Foto: Florian Kurz (links) Vorstand/CEO & Partner und Prof. Dr. Marco Mevius (rechts), Aufsichtsratvorsitzender der bamero AG

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Autor dieses Posts
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